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Sonntag, 7. September 2014

ZHB Luzern: Affaire à suivre

Im Eintrag ZHB Luzern: Kanton vs. Stadt vom 10. Januar 2013 habe ich das perfekte Chaos geschildert, das der Kantonsrat angerichtet hat. Gut möglich, dass mit der Abstimmung am 28. September über die Initiative zur Rettung der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern der unsägliche Streit zwischen Kanton und Stadt sowie zwischen Finanzdepartement und kantonalem Denkmalschutz entschieden wird. Ebenso gut möglich, dass die ZHB eine Affaire à suivre bleibt.

Bildquelle: www.zhbluzern.ch


Was bisher geschah

Am 8.1.2013 teilt die Dienststelle Hochschulbildung und Kultur mit, dass sie auf Antrag der Denkmalkommission des Kantons Luzern die ZHB unter Denkmalschutz stellt. Die Leiterin dieser Dienststelle, Karin Pauleweit, hat sich diesen Entscheid nicht leicht gemacht: Sie hat aufgrund umfangreicher Abklärungen die Interessen abgewogen und schliesslich die Unterschutzstellung beschlossen. Doch wer dachte, dass damit das Drama um die ZHB-Sanierung endlich zu Ende ist, lag weit daneben.

Am 5.2.2013 reicht die Dienststelle Immobilien, die Finanzdirektor Schwerzmann unterstellt ist, beim Bildungs- und Kulturdepartement Beschwerde dagegen ein, dass die ZHB unter Denkmalschutz gestellt wurde. Auch Kantonsrätin Andrea Gmür-Schönenberger (CVP) und fünf weitere Kantonsratsmitglieder reichen eine Beschwerde gegen die Unterschutzstellung ein und verlangen, dass mit dem Entscheid über die Beschwerde zugewartet werde, bis ein Neubauprojekt vorliegt.

Am 20.2.2013 teilt Bildungs- und Kulturdirektor Wyss mit, dass er das Beschwerdeverfahren sistiere, bis ein konkretes Neubauprojekt vorliege und die planungs- und baurechtliche Situation geklärt sei. Bis dahin werde die ZHB auch nicht ins Denkmalverzeichnis eingetragen. Mit diesem Entscheid drückt sich Reto Wyss um ein klares Bekenntnis zum Denkmalschutz.

Am 1.7.2013 reichen die SP und die JUSO Kanton Luzern sowie der Freundeskreis der ZHB die Petition "für eine zügige Sanierung der ZHB" bei der Staatskanzlei ein. Innert kürzester Frist haben beinahe 2000 Personen unterschrieben — ein deutliches Signal an den Kantonsrat, sollte man meinen.

Am 4.9.2013 doppeln die Grünen und die Jungen Grünen der Stadt Luzern nach: Sie reichen die von 1165 StimmbürgerInnen unterschriebene Initiative zur Rettung der ZHB Luzern ein. Diese Initiative, die jetzt zur Abstimmung kommt, verlangt, dass Luzerns Stadtregierung und Parlament den Abbruch der ZHB planungsrechtlich verunmöglichen.

Am 14.11.2013 ruft der Bund Schweizer Architekten Zentralschweiz die KollegInnen auf, den Architekturwettbewerb für den Neubau der ZHB und des Kantonsgerichts am heutigen Standort der Zentral- und Hochschulbibliothek im "Vögeligärtli" zu boykottieren und weder als Juroren noch als Teilnehmende mitzumachen — ein Aufruf, der insbesondere die CVP-Kantonsräte in Rage bringt.

Am 24.11.2013 bewilligt das Luzerner Stimmvolk mit 54.7% Ja einen Sonderkredit von 28.8 Millionen Franken für den Bau eines neuen, modernen ZHB-Aussenlagers in Büron. Dieses teilautomatisierte, klimatisierte Hochregallager, das 2015 den Betrieb aufnimmt und auch von Bibliotheken aus den Kantonen Zürich, Aargau, Basel und Solothurn mitbenutzt wird, löst eines der Probleme der Zentral- und Hochschulbibliothek: die Lagerung der wachsenden Bestände.

Am 6.2.2014 berichtet die Neue Luzerner Zeitung über die Schwierigkeiten der kantonalen Dienststelle Immobilien, Fachleute für die Jury des Architekturwettbewerbs zu gewinnen (vgl. Dringend gesucht: Eine Jury). Zitat vom zuständigen Finanzdirektor Schwerzmann: "Ohne Jury kein Wettbewerb." Erfreulich, dass der Boykott der Fachverbände Wirkung zeigt.

Am 30.7.2014 stellt die NLZ fest, dass das Neubauprojekt für die ZHB noch keinen Schritt weiter ist (vgl. Zentral- und Hochschulbibliothek: Keiner will in die Jury). CVP-Kantonsrat und Bauunternehmer Aregger, der 2011 mit seiner "Schnäppchen-Bibliothek" die bereits beschlossene ZHB-Sanierung gestoppt hat, ärgert sich über den Kanton, der es verschlafen habe, ein Projekt auszuarbeiten. Und CVP-Kantonsrätin Gmür-Schönenberger, die mit ihrem "ZHB-Kantonsgericht-Doppelpack" dieses Trauerspiel mitverantortet, ärgert sich über den Boykott der Architekturverbände, denn so würden die Stadtluzerner über den Erhalt der ZHB abstimmen, ohne eine Alternative zu kennen. Was die beiden immer noch nicht wahr haben wollen, ist dass die Bevölkerung der Stadt Luzern KEINEN Neubau will.


Wollt Ihr den totalen Klotz?

Jetzt stimmen wir in der Stadt Luzern über die Rettung der ZHB ab, ohne die Alternative zu kennen. Halb so schlimm! Denn es ist nicht nötig zu wissen, wie der monströse Klotz, der anstelle der heutigen ZHB gebaut werden soll, im Detail aussieht. Es reicht zu wissen, dass die ZHB mit Kantonsgericht nur mit einem GAK, dem Grössten Anzunehmenden Klotz, zu realisieren ist, das heisst: "Die maximale Ausnutzung des Volumens einer Blockrandbebauung von rund 60'000 m3 durch eine Verdoppelung der heute bebauten Fläche und die Ausschöpfung der vollen möglichen Gebäudehöhe würde genügend Raum schaffen, um die ZHB und das Kantonsgericht unterzubringen." *)

Diese Grafik stammt ursprünglich aus der Antwort des Regierungsrats auf die Motion Gmür und wurde von der NLZ für den Artikel Wie der Kantonsrat Planungsleichen produziert adaptiert.

Mit einem wuchtigen JA verhindern wir, dass das Vögeligärtli, die grüne Lunge der Stadt, von einem monströsen GAK beeinträchtigt wird.

Mit einem wuchtigen JA helfen wir, die schutzwürdige Bibliothek zu erhalten, indem ihr Abbruch verunmöglicht wird. Vielleicht kann sich dann auch Bildungs- und Kulturdirektor Reto Wyss dazu durchringen, die ZHB ins Denkmalverzeichnis einzutragen, ohne dass ein konkretes Neubauprojekt vorliegt.

Schliesslich ist zu hoffen, dass mit einem wuchtigen JA die Kantonsräte zur Einsicht kommen, dass mit Frau Gmürs Luftschloss kein Geld gespart wird, sondern unnütz Geld ausgegeben wird für die Planung und für teure rechtliche Auseinandersetzungen ohne realistische Chancen, dass dieses Projekt je umgesetzt wird. Es ist höchste Zeit, dass der Kantonsrat wieder einen Sinn fürs Machbare entwickelt und die aufs Eis gelegte und längst überfällige Sanierung der ZHB rasch an die Hand nimmt, damit diese grotesk anmutende Affaire à suivre doch noch zu einem vernünftigen Ende kommt.

Und der CVP der Stadt Luzern ist ein Präsidium zu wünschen, das nicht wie Frau Gmür-Schönenberger gegen die Interessen der Stadtbevölkerung politisiert.

Deshalb: ein WUCHTIGES JA FÜR DIE RETTUNG DER ZHB LUZERN!

______________
*) vgl. Antwort der Regierung auf die Motion 219 von Andrea Gmür-Schönenberger vom 23.10.2012. In dieser Antwort beantragte die Regierung übrigens die Ablehnung der Motion, weil sie befürchtete, dass deswegen das Kantonsgericht an zwei anderen Standorten, die damals evaluiert wurden, nicht mehr realisiert werden kann.

Dienstag, 2. September 2014

Tour des Lacs

Eigentlich wollten wir Wandern, wo die Dichter lebten, wie es im Untertitel des Routenbeschriebs in unserem Wanderführer heisst. Doch weil der Busfahrer uns Tagespässe für den ganzen Lake District andreht, ändern wir unsere Pläne, reduzieren unser Wanderprogramm und machen stattdessen eine ausführliche Tour des Lacs. Auch die romantischen Dichter der Gegend lassen wir links liegen und dichten mit grossem Vergnügen lieber selber.

Unsere Tour des Lacs beginnt und endet in Keswick (1) — die Zahlen beziehen sich auf die Google-Maps-Routen weiter unten. Der Umrundung von See Nr. 1 habe ich einen früheren Eintrag gewidmet.



Auf der Fahrt ins Herz des Lake Districts, nach Grasmere (2), passieren wir See Nr. 2: Nach Wikipedia bestand der Thirlmere ursprünglich aus zwei Seen, die im Zuge der Industrialisierung mit einem 20 m hohen Damm zu einem aufgestaut wurden. Der Stausee liefert über einen Aquädukt Wasser ins rund 100 Meilen südlichere Manchester.

In Grasmere steigen wir aus. Hier beginnt die Wanderung, die wir uns vorgenommen haben. Und hier ist die Tour des Lacs im Überblick:


Unsere Tour des Lacs in Google Maps (Zum Vergrössern auf die Grafik klicken!):
Von Keswick (1) mit dem Bus (hellblaue Linie) nach Grasmere (2), zu Fuss (hellblau gepunktet) nach Rydal (3), mit dem Bus nach Ambleside (4) und weiter nach Coniston (5). Spaziergang (hellblau gepunktet) an den See und zum Waterhead Hotel (6). Rückfahrt über Hawkshead (7) und Ambleside nach Keswick. Sowohl die Wanderung als auch der Spaziergang dauert länger als Google Maps meint. Das Dunkelblaue links auf der grossen Grafik ist kein See, sondern die See — die irische nämlich.


Die 2-Seen-Wanderung
Ein paar Impressionen vom Grasmere (See Nr. 3) und vom Rydal Water (See Nr. 4) zeigen, wie schön diese 2-Seen-Wanderung ist:

Der Touristenort Grasmere

Der See von Grasmere als Panorama (zum Vergrössern aufs Bild klicken!)

Herrschaftliches Anwesen

Am anderen Ende vom Grasmere

Zwischen den beiden Seen

Hier in der Nähe habe ich den Wunsch-Baumstrunk aufgenommen...

Eine Ruine am Wegrand

Während Rydal Water mit seinen Inselchen noch idyllischer ist als See Nr. 3, sehnt sich Frau Frogg eine Beiz herbei.

Uferbefestigungsmassnahmen der Nationalparkbehörde


Umsteigen in Apple-Cider
Nach zwei salzigen Scones und "Englands bestem Espresso" hellt sich Frau Froggs Stimmung wieder auf. Meine wird dank einem Bio-Cider noch besser. Eigentlich sind Scones ein klassisches Teegebäck, das mit Marmelade und "Clotted Cream", einer Art dicken Rahms, genossen wird. Diese salzige Variante ist so "fuerig", dass zwei Stück als Mittagessen genügen.



Obwohl Frau Frogg von der Anglistenpflicht gerufen wird, verzichten wir in Rydal (3) auf den Besuch der Wirkungsstätte von "Lake-Poet" William Wordsworth und nehmen stattdessen den Doppelstöcker nach Apple-Cider, äh, Ambleside (4).



Bis der nächste Bus nach Coniston fährt, haben wir eine gute halbe Stunde Zeit, um das für die Touristen herausgeputzte Ambleside zu besichtigen:

Amblesides belebte Hauptstrasse

Amblesides Kirche und Kino


"We don't count bus stops."
Als wir in den Bus nach Coniston steigen, will das asiatische Paar vor uns wissen, wie viele Haltestellen es bis nach Hawkshead seien. Die ebenso barsche wie unbeholfene Antwort des Fahrers: "Wir zählen die Haltestellen nicht." In der Tat ist es in England sinnlos, Haltestellen zu zählen, weil sie erstens kaum als solche zu erkennen sind und weil zweitens Busfahrer jederzeit und überall anhalten, wo es möglich ist, um Passagiere ein- oder aussteigen zu lassen. Dem asiatischen Paar ist mit dieser Antwort natürlich nicht geholfen.

Unterwegs im Lake District, sehen wir im Vorbeifahren den See Nr. 5 (Windermere) und entdecken immer wieder mal einen kleineren See — was denn sonst. So kommen wir ins Blödeln:

Heit Dr*) de See gseh?
Nei Dir, dä See hani noni gseh.
Dass Dir dä See noni gseh heit!
Auso i wot dä See o no gseh!
Bi so viu Seeä git's wou none See z'gseh.
Wenn chunnt ändlech de See?

Es funktioniert nur in Schweizerdeutsch oder besser: nur in Berndeutsch. (Diejenigen, die den Berner Dialekt kennen, bitte ich, mit allfällige Fehler zu verzeihen.) Übersetzt ist's nicht halb so lustig:

Haben Sie den See gesehen?
Nein Sie, diesen See habe ich noch nicht gesehen.
Dass Sie diesen See noch nicht gesehen haben!
Also ich möchte diesen See auch noch sehen!
Bei so vielen Seen gibt's wohl noch einen See zu sehen.
Wann kommt endlich der See?


"Where is the lake?"
In Coniston (5), einem weiteren, schmucken Touristenort, haben wir 40 Minuten Aufenthalt. Weil Coniston nicht direkt am See liegt, beschliessen wir nach einer kurzen Besichtigung von Coniston, auf der Lake Road zum Coniston Water (Nr. 6 der grösseren Seen) hinunter zu gehen. Auf der anderen Strassenseite ist eine englische Familie ebenfalls zum See unterwegs und wir hören, wie die Frau zu ihrem Mann sagt: "Can I ask a daft question? Where is the lake?" — "Kann ich eine blöde Frage stellen? Wo ist der See?" Nach unserer Blödelei im Bus konnten wir nicht anders, wir mussten herzlich lachen.

Hier ist der See: Coniston Water ist Nr. 6

Bootsanhänger, überall Bootsanhänger: But where is the lake?

Die Dampfyacht Gondola lief 1859 vom Stapel und ist wahrscheinlich eines der ältesten Passagierschiffe, die noch in Betrieb sind. Die Gondola war allerdings von 1936 - 1979 "out of service". 1979 wurde sie vom National Trust übernommen und wieder instand gestellt. Seither dampft sie nicht mehr mit Kohle, sondern mit gepresstem Sägemehl.

Kunstvoll arrangierte Siloballen bei Hawkshead (7)

Nach dem Spaziergang zum Coniston Water und weiter zum Waterhead Hotel (6) nehmen wir den Bus nach Ambleside (4) und fahren zurück nach Keswick (1). Unterwegs fragen wir uns gegenseitig: "Heit Dr de See gseh?"

_______________
*) Als Höflichkeitsform benutzen Berner und Bernerinnen "Ihr" anstelle von "Sie" — in Berndeutsch wird also geihrt und nicht gesiezt.

Sonntag, 31. August 2014

Schafe, überall Schafe

Dass England unglaublich ländlich sein kann, ist eine Erkenntnis, die ich in unseren Sommerferien gewonnen habe. Auf unseren Wanderungen überquerten wir immer wieder riesige Schafweiden. Überall Schafe. Ob es daran liegt, dass der Wolf in Grossbritannien seit dem 19. Jahrhundet ausgerottet ist?



Schnell einmal haben wir gemerkt, dass Schaf nicht einfach Schaf ist. Dass diese beiden Schafe auf dem Latrigg (mit 368 m.ü.M. einer der niedrigsten Hügel im Lake District — von diesem "Haushügel" hat man eine tolle Sicht auf Keswick) anders sind, haben wir aufgrund der Hörner gemerkt. Doch wer von uns Städtern kann schon Schafrassen unterscheiden?



Dank des Schafs wirkt diese englische Seenlandschaft noch friedlicher, noch bukolischer (Bukolik, v. griech. βουκόλος – boukólos – Rinderhirte) — bukolisch im allgemeineren Sinn, wie die bukolische Dichtung, die sich mit der Zeit auch nicht mehr nur auf das Leben von Rinderhirten, sondern von Hirten aller Art bezog, also auch auf die Schäferromantik. "Pastoral" (von lat. pastor - Hirte) ginge als Adjektiv für dieses Landschaftsidyll mit Schaf zur Not auch, erinnert mich aber zu fest an mein Trauma mit La Symphonie pastorale von André Gide (1869-1951), dem ersten Buch, das ich auf Französisch lesen musste.



Meist sind englische Schafe auf eingezäunten Weiden anzutreffen. Einmal jedoch sahen wir in einem abgeschiedenen Tal im Lake District einen Schäfer, der mit seinem Hund eine recht grosse Schafherde talaufwärts trieb.



Dieses Schaf ist zwar schwarz, aber kein Schaf — auf englischen Weiden grasen nicht nur Schafe, sondern hin und wieder auch Kühe und Rinder. Im Vergleich zur Schweiz fällt allerdings auf, wie still diese englischen Landschaften sind, weil das Vieh keine Glocken trägt: Nicht nur die Landscape ist in England ganz anders, sondern auch die Soundscape.



Das sind nur gerade zehn von rund 22.6 Millionen Schafen und Lämmern, die 2013 in Grossbritannien gezählt wurden. Obwohl die Briten 2012 gemäss Beef and Lamb Matters, einem Blog der Fleischindustrie, beim Schaffleisch technisch autark sind, importierten sie 86'100 Tonnen, 73% davon aus Neuseeland. Im gleichen Jahr exportierten sie 94'700 Tonnen.

Das Vereinigte Königreich ist zugleich zweitgrösster Importeur und drittgrösster Exporteur von Schaffleisch. Das ist tatsächlich erklärungsbedürftig. Die britische Fleischindustrie führt saisonale Schwankungen und qualitative Unterschiede zwischen Angebot und Nachfrage als Gründe an. Die britische Nachfrage ist um Ostern am grössten, also genau dann, wenn das britische Angebot am kleinsten und der neuseeländische Überschuss am grössten ist. Überdies importiert Grossbritannien die qualitativ besseren und teureren Stücke, während die schlechteren und billigeren Bestandteile in Schwellenländer exportiert werden.

Immerhin gibt es auf dem Markt in Keswick einen Stand, der die vielfältigen Schafprodukte von der Wolle bis zum Fleisch aus einheimischer Produktion verkauft. Wie viel einheimisches Schaffleisch in den Kühlregalen der britischen Detailhändler landet, weiss ich nicht — in der Schweiz jedenfalls konnte ich bei Migros und Coop noch nie einheimisches Schaffleisch kaufen, obwohl gemäss einer ETH-Studie über den Schweizer Lammfleischmarkt immerhin 40% des Bedarfs im Inland produziert werden.



Dieses schöne Exemplar habe ich am Hadrianswall angetroffen. Ich musste es einfach fotografieren...



...und die Schafe, deren Wolle sich in diesem Stacheldraht verfangen hat, waren nah am Abgrund. Aber eben: Schafe, überall Schafe.

Donnerstag, 28. August 2014

Realifiction

Auch fürs Schweizer Fernsehen gilt: Das Beste kommt immer am Schluss. In diesem Fall nach Mitternacht, also heute um 00.13 Uhr. Beim Zappen bin ich auf Bad Boy Kummer gestossen, ein filmisches Portrait über den Schweizer Journalisten Tom Kummer, der über 50 Interwiews mit Hollywood-Grössen, wie Sharon Stone, Sean Penn oder Bruce Willis, fälschte. Ein Film über die Grenze zwischen Realität und Fiktion, über Fake und Remake, sowie die Frage, wie einer jahrelang eine ganze Branche zum Narren halten konnte.

Der Dokumentarfilm Bad Boy Kummer von Miklós Gimes, Regie (CH/D 2010, 92′, HD, Schweizerdeutsch/D/E) ist aus rechtlichen Gründen leider nicht mehr auf CH:Filmszene von SRF nachzusehen, aber als hier als DVD erhältlich.


Der 6-Minuten-Beitrag von Kulturzeit auf 3sat enthält einige Filmausschnitte, die einen recht guten Eindruck vermitteln. Auf Youtube hochgeladen von schwalbenbimbi

Der im Film portraitierte Tom Kummer war schon vieles: Tennistalent, Künstler "Skapoda", Kriegsreporter, Borderline-Journalist und Hollywood-Korrespondent. Doch berühmt wurde er mit seinen ausführlichen, aber allesamt gefaketen Interviews, mit denen er die Stars neu erfand. Vier Jahre lang belieferte Kummer seriöse Blätter in Deutschland und der Schweiz, bis er aufflog. Nach wie vor lebt er mit seiner Familie in Los Angeles und ist jetzt Trainer für Kleinfeldtennis.

Der Filmregisseur, Miklós Gimes, war damals, als Kummer die Stars in seiner lebhaften Fantasie aufpeppte, Vizechef der Wochenend-Zeitungsbeilage Das Magazin und als solcher Abnehmer der erstunkenen und erlogenen Interviews aus dem glamourösen Hollywood. Herauszufinden, warum er dem Lügenbaron von LA diese Geschichten abgekauft hatte, war möglicherweise seine Motivation für diesen Film.


Dieses 20-Minuten-Interview mit Filmemacher Miklós Gimes erhellt den Background von "Bad Boy Kummer". Auf Youtube hochgeladen von W-film Distribution

Ich mag mich an diese gut gemachten Geschichten erinnern, für die Kummer viel Lob bekam. Ich dachte: Unglaublich, was der alles aus diesen Promis rausholt. Aber nie wäre ich darauf gekommen, dass sich Kummer die interessanten Details aus dem Leben der Stars nur aus den Fingern gesogen hat. In einem Interview mit dem Tagi sagte er 2007:

"Ich habe im Fall von Pamela Anderson versucht, eine tiefere Wahrheit auf die Ware zu projizieren. Denn das ist doch der Starkörper: Das schönste Gefäss, das wir für unsere Träume finden können. Träume sind doch kein Betrug."

Und im Film sagt er entschuldigend, dass es ihn, als er nach LA kam, getroffen habe, wie die Leute hier ihre Fiktion als Wahrheit vermitteln und wie das Fernsehen die Wirklichkeit verfremdet. Während man in Europa den Nachrichten in einem gewissen Sinn noch trauen könne, seien sie hier mehr eine Inszenierung von Wirklichkeit als die Wirklichkeit schlechthin. Er mache mit seinen "gefundenen" Interview-Antworten das banale Leben dieser Stars interessanter als es eigentlich wäre. So lässt er Sharon Stone von lesbischen Fantasien berichten, Sean Penn über Kierkegaard schwadronieren und Nicolas Cage einen Satz von Rainer Werner Fassbinder zitieren: "Das einzige, was ich im Leben akzeptiere, ist Verzweiflung". Bei Tom Kummer werden die Stars feinfühliger, philosophischer und gescheiter als sie sind — und die Fiktion ist besser als die Realität. Letztlich sei er die Avantgarde eines Journalismus, in dem es keinen Unterschied zwischen Realität und Fiktion mehr gebe.

Sicher hat es Tom Kummer mit seiner "sehr subjektiven" Berichterstattung zu weit getrieben, trotzdem ist es schade, dass dieser postmoderne Märchenerzähler das Leben der Hollywoodstars nicht mehr aufpeppen darf, hat doch der geniale Schreiberling die Realifiction zu einem neuen und unterhaltsamen Genre entwickelt — Hollywood und seine Stars sind definitiv langweiliger, seit Bad Boy Kummer nicht mehr über sie fantasieren darf.

Montag, 25. August 2014

Rund um den See

Wenn über den See schreibe, meine ich den See von Keswick und der heisst: Derwent Water. Er sei immerhin der viertgrösste Englands, meint Wikipedia. Eine Seeumrundung sei reizvoll, meinten unsere englischen Freunde. Nun denn, machen wir uns auf die Socken.

Von unserer Ferienwohnung (1 — die Zahlen beziehen sich auf die Google-Maps-Route weiter unten) begeben wir uns an die Strandpromenade (2), von wo wir auf Empfehlung unserer englischen Freunde die Fähre zur Kitchen Bay (3) nehmen und die Seeumrundung um zwei, drei Meilen verkürzen.



Das Schiff sei noch nicht zum Einsteigen bereit, meint die Frau von der Derwent-Water-Schifffahrtsgesellschaft resolut, als wir eine Viertelstunde vor Abfahrt schon einsteigen wollen. Weil sie ein bisschen aussieht wie die "Iron Lady" und mindestens so viel Haare auf den Zähnen hat, verpasst Frau Frogg ihr umgehend einen Übernamen: Miss Thatcher. Angesichts der vielen Leute, die einsteigen wollen, hat Miss Thatcher ein Einsehen und lässt uns — ganz entgegen ihren Prinzipien — schon zehn statt nur fünf Minuten vor der Abfahrt einsteigen.





Die Kitchen Bay ist eine recht idyllische Ecke des Sees.

Hier unsere Wanderroute:


Derwent Water auf Google Maps mit unserer Wanderroute (hellblau gepunktet) und der Abkürzung mit der Fähre (rot). Die Google-Maps-Wanderer sind allerdings Schnellwanderer — wir jedenfalls sind länger unterwegs als Google Maps meint.


Über die Catbells
Unmittelbar hinter der Anlegestelle der Fähre (75 m.ü.M.) beginnt der recht stotzige Zickzackweg auf die Catbells (4).



Dass sich der gut einstündige Aufstieg auf die Catbells (451 m.ü.M.) lohnt, zeigt das Gipfelpanorama:

Das Panorama auf den Catbells (zum Vergrössern aufs Bild klicken!)

Wanderschuhe sind empfehlenswert, denn auch der Abstieg von den Catbells ist recht steil.


Sumpfige Ebene
Unten angekommen, führt die Route quer über die sumpfige Ebene am oberen Ende des Sees (5). Auch hier ist das Seeufer sehr idyllisch. Der letzte Wegabschnitt führt über Stege, die bei Hochwasser nicht passierbar sind.










Hotel mit Wasserfall
Am Ende der Sumpfebene befindet sich das Lodore Falls Hotel (6) — höchste Zeit, den Durst mit einem Pint of Cider zu löschen.



Mit unserer Wanderkluft passen wir nicht 100%ig in die Gästeschar des Viersternhotels mit Spa: Frisch gebadet sitzen die Hotelgäste in weissen Bademänteln und Badeschlarpen im Hotelgarten, während wir verschwitzt und in Wanderschuhen unseren Durst löschen...



Die Lodore Falls hinter dem Hotel sind nicht spektakulärer als der Lichtenhainer Wasserfall in der sächsischen Schweiz, aber in den Hügeln des Lake Districts kann man auch nicht erwarten, dass Wasserfälle über Hunderte von Metern ins Tal stürzen...


Kiesstrand



Auf dem Rückweg nach Keswick folgen wir dem Ufer von Derwent Water (7) und entdecken immer wieder idyllische Ecken.




Objet trouvé



Gegen den Schluss der Wanderung finden wir am Rand einer Schafweide (8) "Kunst" am Wegrand und blicken nochmals über den See auf die Catbells.



Fazit: Derwent Water ist wegen der vielen schönen Ecken eine Umwanderung wert, meint der Kulturflaneur.

Montag, 18. August 2014

Verregnete Magie

Was macht man an einem regnerischen Ferientag? Man besucht ein interessantes Museum. Wir jedoch besichtigen die Umgebung und hoffen, dabei nicht allzu nass zu werden. Nach einem zweiten Augenschein in Keswick, betrachten wir an der ehemaligen Keswick Station (KWK) die verblichene Pracht des Keswick Hotels, wandern auf dem Bahntrassee und drehen uns bei strömendem Regen im Steinkreis.

Nach dem Frühstück in einem Keswicker Café lassen wir uns von dem bisschen Landregen nicht entmutigen, stapfen unter aufgespannten Regenschirmen die Station Road hoch zum stillgelegten Bahnhof, wo wir uns auf Empfehlung unserer Freunde in Godmanchester das altehrwürdige Bahnhofshotel anschauen wollen.



Bei Regenwetter wirkt das Keswick Hotel eher abweisend als prachtvoll, im Hotelpark auf der Rückseite entdecken wir aber doch noch den verblichenen Charme des alten Hotelkastens.



Von der Keswick Station (KWK) folgen wir dem Trassee der ehemaligen Bahnlinie, die in einen Wanderweg umgenutzt wurde. Schon bald einmal entdecke ich einen blauen Velowegweiser mit der Aufschrift "C2C". Was bedeutet C2C, frage ich mich und nehme mir vor C2C im Internet zu recherchieren.


C2C ist die Abkürzung für "Coast to Coast" oder "Sea to Sea". Die populärste Langdistanz-Veloroute Grossbritanniens ist 140 Meilen lang und führt von Whitehaven oder Workington an der Westküste nach Sunderland oder Tynemouth bei Newcastle-on-Tyne an der Nordostküste. Quelle: Auf www.c2cplaces2stay.co.uk ist die Karte interaktiv und mit weiteren Informationen hinterlegt.

Wir sind also nicht auf einem hundskommunen Wanderweg unterwegs, sondern auf der nationalen Veloroute "Coast to Coast". Trotzdem treffen wir mehr Wanderer und Spaziergängerinnen als Leute auf dem Velo.



Das Trassee der "disused railway" schlängelt sich talaufwärts und überquert mehrmals den Fluss Greta, der in grossen Mäandern talwärts fliesst. Eigentlich ein schöner Regenspaziergang.



Doch als wir das Tal verlassen und zum Steinkreis von Castlerigg hochsteigen, werden Wind und Regen stärker.



Nicht so bekannt und auch nicht so megalithisch wie Stonehenge, ist der Steinkreis von Castlerigg mit 70 Metern Durchmesser einer der grössten und bekanntesten Steinkreise in Grossbritannien (wo es immerhin 700 solche Steinkreise gibt).

Im Steinkreis von Castlerigg (zum Vergrössern aufs Bild klicken!)

Als wir uns in der Mitte des Steinkreises drehen und ein Foto machen, schüttet es ziemlich, dazu bläst ein recht starker Wind, so dass es fast waagrecht regnet — so geht natürlich jede Magie, die von dieser bronzezeitlichen Kultstätte ausgehen könnte, verloren...



Auch unsere Hoffnung, nicht allzu nass zu werden, ist zunichte. "Weather beaten" — wie die BritInnen zu sagen pflegen — ändern wir unsere Wanderroute und kehren auf schnellstem Weg nach Keswick zurück. Tröstend, dass wir in knapp drei Ferienwochen nur dieses eine Mal "vom Wetter geschlagen" werden und mit 3.5 Regentagen im Vergleich mit der Schweiz noch gut bedient sind.

Sonntag, 17. August 2014

Erster Augenschein

In Keswick angekommen, beziehen wir unsere Ferienwohnung und machen eine erste Runde: Wir besteigen den Haushügel von Keswick, machen eine Strandpromenade und besichtigen das schmucke Städtchen — und erfassen so in kurzer Zeit, was den Lake District so reizvoll macht.

Hügel, soweit das Auge reicht




Der Blick vom Castlehead, dem Hügel hinter der Ferienwohnung, auf die Hügellandschaft, den See Derwent Water und das Städtchen Keswick

Reizvolle Strandpromenade



Der See mit seinen schönen Uferpartien lockt viele Leute an — die Strandpromenade ist denn auch gut besucht.

Seepanorama (zum Vergrössern aufs Bild klicken!)

Schmuckes Städtchen



Keswick hat sich für die Touristen herausgeputzt. Der Turm auf dem Marktplatz ist das viel fotografierte Wahrzeichen, der backsteinerne Filmpalast mein heimlicher Favorit.

Mittwoch, 13. August 2014

Im Zickzack nach Keswick

Auf unserer Englandreise fahren wir nach dem Besuch bei Freunden in Godmanchester im Südosten quasi im Zickzack nach Keswick im Nordwesten Englands. Den letzten Abschnitt unserer Reise legen wir im Bus zurück — auf unserer Fahrt durch den Lake District zählen wir die Seen: Wir kommen auf fünf.

Leeds

Es wäre einfacher und schneller gewesen, mit dem Zug von Huntington (HUN, alle britischen Bahnhöfe haben wie Flughäfen einen Dreibuchstabencode) zuerst südwärts nach London Kings Cross (KGX) zu fahren und dann von London Euston (EUS) auf der Highspeed-Linie wieder nordwärts in den Lake District zu rasen, weil London wie eine Spinne im Zentrum des britischen Bahnnetzes sitzt. Von London führen zwei wichtige Linien nordwärts: die östliche über York und Newcastle nach Edinburgh, die westliche über Milton Keynes und Carlisle nach Glasgow.

Manchester

Wir aber wollen diesmal London auslassen und fahren deshalb von HUN nordwärts in die nächstgrössere Stadt, Peterborough (PBO) und von da mit Highspeed weiter nach Leeds (LDS). Ein Zug, der nur aus drei Wagen besteht, bringt uns durch eine reizvolle, typisch englische Industrielandschaft südwestlich nach Manchester Picadilly (MAN). Von da geht's manchmal wieder mit Highspeed nordwärts nach Windermere (WDM) im Lake District. Weil KWK, der Code aus früheren Zeiten, als Keswick noch mit der Bahn zu erreichen war, bei den National Rail Enquiries nur eine Fehlermeldung produziert, nehmen wir den Bus — eine Fahrt, die zur Besichtungsfahrt durch den Lake District wird.

Lake District