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Sonntag, 3. August 2014

Englandreise

Wohlbehalten zurück von unserer Englandreise haben Frau Frogg und ich wieder viel Stoff für unsere Reiseblogs. Quasi als Vorschau hier unsere fast dreiwöchige Reise im Überblick:


Unsere Reiseroute führte für einmal nicht über London, sondern nur über einen der vielen Londoner Flughäfen, über London-Stansted.


Vom Basler Euroairport flogen wir nicht mit diesem orangen Flieger, sondern mit der blauen Konkurrenz nach England. Über dem Ärmelkanal machte der Pilot eine Ansage: "Germany - Argentina: one - nil". Und Frau Frogg war froh, musste sie den WM-Final nicht auch noch ansehen...


In Godmanchester (in der Nähe von Cambridge) waren wir ein Tag und zwei Nächte zu Besuch bei Freunden.


Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Zug über Peterborough - Leeds - Manchester nach Windermere im Lake District. Den letzten Abschnitt nach Keswick legten wir in einem Doppelstockbus zurück. Im Bild der Lake Rydal.


Eine Woche verbrachten wir in einer Ferienwohnung in Keswick, das Ausgangspunkt für etliche Wanderungen und Aufflüge war — der Lake District ist mit seinen zahlreichen Bergen (für uns eher Hügel) und Seen tatsächlich eine der schönsten Ferienregionen Englands.


Unser nächstes Etappenziel war Haltwhistle (Centre of Britain). Von der Ferienwohnung in der Nähe des Hadrianwalls, die wir für sechs Nächte gebucht hatten, erkundeten wir die Überreste dieser 135 Kilometer langen Mauer von Küste zu Küste — die spinnen, die Römer!


Für einen Tagesausflug nach Newcastle und einen Besuch bei Freunden erwischten wir einen wunderschönen Tag. Diese Bogenbrücke über den Tyne ist das Wahrzeichen der nordenglischen Stadt.


Auch bei Regenwetter ist die Bahnfahrt entlang der Westküste über Carlisle - Barrow-in-Furness - Preston nach Liverpool ein Erlebnis — ich kann den Umweg mit Halt an allen Stationen nur empfehlen.


Das quicklebendige Liverpool hat sich von der Krise erholt und zu einer Touristenattraktion gemausert. Uns jedenfalls reichten die letzten zwei Ferientage nicht, um die Beatles-Stadt à fonds kennen zu lernen.


Auf dem Rückflug nach Genf sah man aus dem Flugzeugfenster die Südküste Englands. Wenn man das Bild vergrössert, ist direkt vor dem Triebwerk der Küstenort Newhaven zu erkennen, von wo Miss Jemima Morell 1863 auf ihrer Reise in die Schweiz nach Frankreich übersetzte (vgl. Die Erfindung des Gruppentourismus).


Wieder zurück in Luzern stellen wir fest, dass es während unserer Ferien in England viel weniger geregnet hat als in der Schweiz, wo die Flüsse Hochwasser führen...

Mittwoch, 2. Juli 2014

Gefalteter Elefant

Seit das KKLB (Kunst und Kultur im Landessender Beromünster) einen gefalteten Elefanten in Lebensgrösse zeigt, habe ich ein Problem. Denn wenn ich bei einem Geschenk raten musste, was wohl drin sei, antwortete ich: "Dänk, än gfältelete Elifant". Aber das geht nun nicht mehr, hat doch der Origami-Künstler Sipho Mabona aus einem 15 x 15 Meter grossen Papier tatsächlich ein Mega-Origami in Form eines Elefanten gefaltet.

"White Elephant" von Sipho Mabona, 2014

Dieser 250 kg schwere Papierelefant besteht aus einem 15 x 15 Meter grossen Papierblatt, das Mabona in den USA anfertigen liess — in Amerika ist halt alles ein bisschen grösser, auch das Papier. Und: Ohne minutiöse Planung und ohne Hilfe lässt sich ein solches Riesen-Origami nicht herstellen, Mabona hat den Papierelefanten denn auch nicht alleine gefaltet — er hatte ein ganzes Falt-Team zur Hand, wie dieses Zeitraffer-Video zeigt:

WHITE ELEPHANT time-lapse von Mabona Origami auf Vimeo.

Origami (jap. 折り紙, von oru = falten + kami = Papier), die Kunst des Papierfaltens, wurde gemäss Wikipedia um 610 von buddhistischen Mönchen von China nach Japan gebracht. Und noch heute sind die JapanerInnen stolz auf ihre Origami-Kunst. Doch selbst im Heimatland des Papierfaltens löst Faltkünstler Sipho Mabona mit seiner Kunst Erstaunen, Bewunderung und Entzücken aus, wie dieses Portrait in einer TV-Show von Japan Allstars TV Tokyo zeigt:

Origami Artist Sipho Mabona (JAPAN ALLSTARS, TV TOKYO), hochgeladen von Mabona Origami auf Vimeo.

Fazit: Der Ausflug zum Landessender Beromünster hat sich nur schon wegen des Origami-Elefanten gelohnt. Es hat sich allerdings gezeigt, dass nicht nur ich Probleme mit dem gefalteten Elefanten habe, sondern auch das KKLB, denn momentan weiss noch niemand, wie dieser Elefant später wieder aus dem ehemaligen Senderaum des Landessenders Beromünster herauskommt — eine elefantengrosse Raumöffnung ist im KKLB nicht vorhanden.

Mittwoch, 18. Juni 2014

Eine App für jede Lebenslage

Mein Bruder ist quasi der Freitagszeichner der New York Times. Jede zweite Woche illustriert er die App-Beratung in der Metro-Section, die den NewyorkerInnen neue Handy-Applikationen präsentiert, die helfen sollen, das eh schon komplizierte Leben im "Big Apple" zu bewältigen. Er produziert also Bilder zu Texten, während es im Freitagstexter darum geht, sich Texte zu Bildern auszudenken.

Das Angebot an Apps für jede Lebenslage ist derart unübersichtlich, dass es inzwischen App-Guides, App-Krtiken und App-Beratung braucht. In der Rubrik CITY APP stellt die New York Times regelmässig mehr oder weniger hilfreiche Apps für NewyorkerInnen vor. Im Artikel Want to Hang Out, Maybe? vom 2. Juni 2013 präsentierte die NYT die iPhone-App Ketchup — eine weitere Social-Networking-App, die (noch) nicht genügend NutzerInnen hat, um die kritische Masse zu erreichen, bei der sie erst richtig interessant wird.


2 Screenshots der iPhone-App Ketchup (Bilder: iTunes)

Der animierte Freitagstexter von Freitag dem 13. war die Illustration zum oben erwähnten NYT-Artikel — und animierte zu 10 Kommentaren. Davon waren 4 ausser Konkurrenz, bleiben also noch 6, die in die Kränze für die Ausrichtung des nächsten Freitagstexters kommen. Herr Steppenhund machte einen Kommentar zur Ikonografie, alle anderen beschäftigen sich mit dem Umgang mit Apps und dem Sinn und Unsinn von Apps. Merci fürs Mitmachen!





Der Anerkennungspreis
geht an Olaf, der die App dem NSA-Agent Snowden zuschreibt und die Sandburg kurzerhand ins Weisse Haus verwandelt.


Bronze
gehen ex aequo an das Bee für den Kommentar zum manchmal doch überraschenden Nutzen von nutzlosen Apps sowie an die Testsiegerin für das neuste App-Rätsel "Woran Männer denken".


Silber
gewinnt gulogulo, der mit seinem Beitrag "Lebe deine App." das Thema der Illustration auf eine treffende Kürzestformel brachte.


Gold
und damit auch Ehre und Pflicht, den nächsten Freitagstexter auszurichten, gehen an Etosha für ihre schöne Analyse des mobilen Konsumenten in der Multi-Optionen-Gesellschaft:

Während der mobile Konsument von heute die Wahl zwischen so vielen Aktivitäten zu haben scheint, verpuffen ihm doch die schönsten Luftschlösser vor der Nase.

Herzliche Gratulation!


Und hier geht's zum nächsten Freitagstexter:



Die ewige Bestenliste auf Twitter: twitter.com/Freitagstexter

Freitag, 13. Juni 2014

Animierter Freitagstexter

Ich freue mich, wieder einmal den Freitagstexterpokal in den Händen zu halten. Überreicht wurde er mir von der Testsiegerin. Gleichzeitig habe ich kaum Zeit, den Freitagstexter auszurichten, ist doch mein Bruder aus den USA zu Besuch. Aus aktuellem Anlass deshalb eine Illustration, die mein Bruder für die New York Times kreiert hat.

Ladies and Gentlemen, hier der neue Freitagstexter — für einmal als animated GIF:


By courtesy of Christoph Hitz (Link zum Online-Portfolio meines Bruders). Zum Vergrössern bitte aufs Bild klicken!

Also: Lasst Euch eine griffige Legende zu dieser animierten Illustration einfallen. Vorschläge sind bis Dienstag, 17. Juni 2014, 23:59 Uhr, einzureichen. Der beste Vorschlag wird am Mittwoch prämiert und der Gewinner oder die Gewinnerin des begehrten Wanderpokals darf den nächsten Freitagstexter ausrichten. Mitmachen dürfen alle, gewinnen können aber nur FreitagstexterInnen mit eigenem Blog.

Und jetzt: Haut rein in die Tasten!

Freitag, 6. Juni 2014

§1 Das Volk hat immer Recht

"Das Volk hat immer Recht", sagt die SVP — und die muss es ja wissen, heisst sie doch Schweizerische VOLKspartei. Diese populäre Populistenpartei ist deshalb der Meinung, es brauche in der Schweiz kein Verfassungsgericht, weil das Volk als Souverän über der Verfassung steht und in die Schweizerische Bundesverfassung schreiben kann, was es will, ausser...

... eine Verfassungsänderung widerspricht übergeordnetem Recht.


Zum Beispiel den Menschenrechten. Aber dann werden wir Eidgenossen früher oder später von den Strassburger Richtern zurückgepfiffen, denn auch wir haben die Menschenrechtskonvention unterzeichnet. In der Folge müssten wir die Verfassung und zugehörige Gesetze und Erlasse wieder ändern oder das Parlament, Behörden und Gerichte haben derart grosse Umsetzungsprobleme, so dass das, was das Volk in die Verfassung reingeschrieben hat, letztlich toter Buchstabe bleibt. So geschehen mit der Verwahrunsinitiative, die 2004 vom Volk angenommen wurde und dafür sorgt, dass extrem gefährliche Sexual- oder Gewaltstraftäter, die nicht therapierbar sind, lebenslang verwahrt werden. Das ist derart unwiderruflich und vermutlich auch nicht mit den Menschenrechten vereinbar, dass sich die Gerichte äusserst schwer tun, solche Straftäter bis an ihr Lebensende wegzusperren. Angesichts der Tatsache, dass bis jetzt nur der Callgirl-Mörder auf immer verwahrt wurde, würde uns ein Verfassungsgericht, das den Souverän daran hindert, eine kaum umsetzbare und womöglich mit den Menschenrechten nicht konforme Bestimmung in die Bundesverfassung zu schreiben, vor viel Diskussionen, Ärger und Frust bewahren.

... eine Verfassungsänderung hat Konsequenzen, die das Volk vorher nicht bedacht hat.

So geschehen am 9. Februar, als der Schweizer Souverän mit 50.3% JA die Initiative "Gegen Masseneinwanderung" angenommen hat (vgl. Nicht nur die Agglo ist gekippt). Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die EU nicht von ihrem Prinzip der Personenfreizügigkeit abweichen wird und deshalb kaum uns als Nicht-Mitglied Sonderkonditionen zugesteht. Dann haben wir die Wahl zwischen Volkswille und Aufkündigung der Personenfreizügigkeit, was wahrscheinlich auch das Ende der Bilateralen Verträge zur Folge haben wird.

Aber das Volk kann ja auch gescheiter werden, wie 1978 als die Schweiz in einem Referendum die Einführung Sommerzeit ablehnte und 1980 zur Zeitinsel mitten in Europa wurde. Auch gegen den zweiten Anlauf zur Einführung der Sommerzeit wurden Unterschriften gesammelt, doch das Volk weigerte sich zu unterschreiben und die notwendigen 50'000 Unterschriften kamen nicht zusammen. So wurde 1981 die Sommerzeit doch noch eingeführt und eine Wiederholung des Zeitchaos vermieden — der Souverän ist eben doch lernfähig.

Hoffentlich gilt das auch in Bezug auf unser Verhältnis zur EU und entscheiden uns in der Frage "Kündigung der Personenfreizügigkeit oder Bilaterale Verträge?" für die Weiterführung der Bilateralen, ohne die die beispiellose Prosperität der Schweiz in den letzten zwei Jahrzehnten nicht möglich gewesen wäre.

... eine Verfassungsänderung widerspricht den eigenen Prinzipien.

Zum Beispiel dem Verhältnismässigkeitsprinzip. Bundesrat und Parlament tun sich schwer mit der Umsetzung der 2010 mit 52.9% JA angenommenen Ausschaffungsinititiative, die eine konsequente Ausschaffung krimineller Ausländer verlangt, was nicht in jedem Fall verhältnismässig ist, aber nicht mehr individuell beurteilt werden soll. Doch mit dem Kompromissvorschlag des Bundesrats, der halbwegs dem Verhältnismässigkeitsprinzip und Menschenrechtskonvention gerecht wird, ist die die SVP ganz und gar nicht einverstanden. Deshalb will sie mit einer 2012 eingereichten Durchsetzungsinititive dafür sorgen, dass das Volk doch noch Recht bekommt — und Paragraf 2 in Kraft tritt:

§2 Sollte das Volk einmal nicht Recht haben, tritt automatisch Paragraf 1 in Kraft.

Fazit: Nach mehreren solchen frustrierenden Übungen sollte sich der Souverän überlegen, ob er nicht vielleicht doch ein Verfassungsgericht einführen will, das darüber entscheidet, ob eine Initiative mit der bisherigen Verfassung und übergeordnetem Recht kompatibel ist — zeigt doch die Erfahrung, dass §1 nicht automatisch gilt.

PS. Diese Woche wurde bekannt, dass die SVP auch der Initiative "Gegen Masseneinwanderung" mit einer Durchsetzungsinitiative zum Durchbruch verhelfen will — und das nur vier Monate nach der Abstimmung und noch bevor der Bundesrat eine Strategie für die Verhandlungen mit Brüssel präsentiert hat. Wenn das keine Zwängerei ist!

Dienstag, 20. Mai 2014

Nicht nur die Agglo ist gekippt

In den letzten Monaten war ich nicht in Bloger-Stimmung, deshalb habe ich diesen Beitrag zur Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative vom 9. Februar erst jetzt fertiggestellt...

Wegen der 50.3% JA zur Initiative "Gegen Masseneinwanderung" herrscht in der urbanen Schweiz immer noch Katzenjammer, Konsternation und Ratlosigkeit, obwohl das Votum schon mehr als drei Monate zurückliegt. Analysten und Kolumnistinnen versuchen zu erklären, wie es zu diesem demokratischen GAU kommen konnte. Die Diplomatie macht auf Schadensbegrenzung und PolitikerInnen suchen nach einem Weg, wie die Schweiz den Fünfer und das Weggli behalten kann...

Ich glaube allerdings nicht, dass es möglich ist, die Zuwanderung aus der EU zu kontingentieren und zu beschränken, ohne die für die Schweiz wirtschaftlich wichtigen Bilateralen Verträge (u.a. zur Personenfreizügigkeit) künden zu müssen — schliesslich kann man das Fell des Bären auch nicht waschen, ohne dass es nass wird. Bis im Juni will der Bund ein Umsetzungskonzept erarbeiten, was aber nicht einfach wird, reicht doch das Spektrum der Vorschläge von einer Kontingentslösung, die von der SVP favorisiert wird und noch rigider ist als das System der 80er Jahre, bis zum EU-Beitritt, den die SP ins Auge fasst, um den gordischen Knoten zu lösen. Und bis im Dezember will der Bundesrat eine Gesetzesvorlage ausarbeiten, die dann als Diskussionsgrundlage in die Vernehmlassung geht und bei der EU auf Akzeptanz getestet werden kann.

Sollte sich allerdings in den Verhandlungen mit der EU herausstellen, dass die Masseneinwanderungsinitiative die Kündigung der Bilateralen Verträge mit der EU nach sich zieht, dann sollte das Stimmvolk entscheiden können, ob es wirklich das Ende des Bilateralen Wegs will. Denn die Abstimmung über die SVP-Initiative war keineswegs eine Abstimmung über die Zukunft des Bilateralen Wegs.

Wenn ich König der Schweiz wäre, hätte ich sofort nochmals abstimmen lassen, denn ich bin überzeugt, dass die Abstimmung jetzt anders herauskäme, 1. weil diejenigen, die ein Denkzettel-JA einlegten, dies nicht nochmals tun würden, 2. weil allmählich die unabsehbaren Konsequenzen sichtbar werden und 3. weil die Wirtschaftskreise sich diesmal auch persönlich für ein NEIN einsetzen würden. Aber ich bin nicht der König der Schweiz. Und: Es wäre zutiefst undemokratisch, wenn man nicht versuchen würde, den Volkswillen umzusetzen — aber bitte nicht gleich das Kind mit dem Bad ausschütten!


19'526 Stimmen machten den Unterschied









Die Auflösung dieser interaktiven Karte lässt sich oben links mit einem Klick von der Bezirksebene auf die Kantonsebene umschalten. Quelle: Bundesamt für Statistik.

Die Karte oben und die Tabelle unten zeigen einen Polenta-Graben, einen Röschti-Graben und einen Stadt-Land-Graben. Wenn es in der Schweiz tatsächlich irgendwo ein Problem mit ausländischen Arbeitskräften gibt, dann im Tessin — allerdings nicht mit eingewanderten EU-Bürgern, sondern mit den Grenzgängern, die dank tieferen Lebenshaltungskosten in Italien sich leisten können, für weniger Lohn als die TessinerInnen zu arbeiten. Sie verdienen auch so noch mehr als in Norditalien. In der italienischen Schweiz ist denn auch der JA-Stimmenanteil 16 Prozentpunkte höher als in der Deutschschweiz und gar 26.6 Prozentpunkte höher als in der Romandie, die gegenüber der EU offener ist und die SVP-Initiative abgelehnt hat. Deutlich zu sehen ist auch der Röschti-Graben zwischen der Romandie (41.5% Ja) und der Deutschschweiz (52.0% Ja).

Der vor der Abstimmung viel zitierte Dichtestress scheint nicht den Ausschlag gegeben zu haben: Je urbaner ein Gebiet ist, desto niedriger die Zustimmung zur Masseneinwanderungsinitiative — die grösseren Deutschschweizer Städte haben die Initiative allesamt abgelehnt. Wäre man die Probleme des Tessins früher angegangen, hätten die TessinerInnen nicht so massiv zugestimmt und es hätte für ein Nein zu dieser unsäglichen Initiative gereicht. Bei total rund 2.9 Mio. Stimmen ist diese Abstimmung angesichts der fehlenden 19'527 Nein-Stimmen aber überall und nirgends verloren gegangen — auch die Stadtzürcher StimmbürgerInnen hätten die Abstimmung im Alleingang kippen können.

Initiative «Gegen Masseneinwanderung» : Ja in %


Deutsche
Schweiz
Französische
Schweiz
Italienische
Schweiz
Gesamte
Schweiz

Städtische Gemeinden
Zentren41.037.766.341.5
Agglomerationsgemeinden52.940.668.551.2
Isolierte Städte53.942.251.3
Ländliche Gemeinden60.747.069.657.6

Schweiz52.041.568.0 50.3

Differenzen (in Prozentpunkten)
Deutsche – französische Schweiz10.6
Deutsche – italienische Schweiz -16.0
Französische – italienische Schweiz-26.6
Stadt – Land-9.9

Quelle: Bundesamt für Statistik


Gebiete mit hohem Ausländeranteil lehnten die Masseneinwanderungsinitiative ab — ein Paradox!

Man könnte meinen, dass die SVP-Initiative "Gegen Massenwanderung" da angenommen wird, wo viele AusländerInnen leben und wo es allenfalls auch Probleme und Konflikte gibt, aber es war genau umgekehrt: Je geringer der Ausländeranteil an der Wohnbevölkerung, desto höher die Zustimmung zur Initiative. Plakativer ausgedrückt: Diejenigen, die AusländerInnen nur vom Hörensagen kennen, haben Angst vor einer Masseneinwanderung.


Waagrecht ist die Zustimmung zur Masseneinwanderungsinitiative aufgetragen, senkrecht der Anteil der AusländerInnen an der Wohnbevölkerung, die Grösse der Kreise entspricht der jeweiligen Kantonsbevölkerung, die ablehnenden Kantone sind rot, die zustimmenden grün. Quelle: www.martingrandjean.ch

Es ist tatsächlich ein bisschen absurd: Von den JA-Kantonen haben nur gerade Schaffhausen und der Tessin einen überdurchschnittlich hohen Ausländeranteil, unter den NEIN-Kantonen sind drei, die einen relativ geringen Ausländeranteil aufweisen (Wallis, Fribourg und Jura). Ging es womöglich gar nicht um die Einwanderung?


Frapante Ähnlichkeit der Karten

Am 8. Februar 2009 stimmte die Schweiz über eine ähnliche Frage ab: über die Ausweitung der Personenfreizügigkeit Schweiz-EU auf die neuen Mitgliedsländer Bulgarien und Rumänien. Damals sagte die Schweiz noch mit fast 60% JA.









Die Auflösung dieser interaktiven Karte lässt sich oben links mit einem Klick von der Bezirksebene auf die Kantonsebene umschalten. Quelle: Bundesamt für Statistik.

Vergleicht man diese Karte mit der Karte zur SVP-Initiative stellt man eine frapante Ähnlichkeit fest, allerdings sind die Farben vertauscht: Dunkelgrün entspricht violett und umgekehrt rosa hellgrün. Grund dafür ist, dass wer für die Personenfreizügigkeit ist, 2009 JA und 2014 NEIN stimmen musste. Nur: In den fünf Jahren hat die Akzeptanz der Personenfreizügigkeit um fast 10 Prozentpunkte abgenommen.

In nur fünf Jahren hat also die Stimm-Schweiz ihre Meinung bezüglich Zuwanderung geändert: Waren 2009 noch 59.6% für die Erweiterung der Personenfreizügigkeit, stimmten vor zwei Monaten nur noch 49.7% gegen die Initiative. In der folgenden Karte habe ich obige Karten übereinandergelegt und die Kippbezirke, die vor fünf Jahren die Personfreizügigkeit befürwortet haben, aber jetzt gekippt sind und auch die Initiative gegen die Masseneinwanderung angenommen haben, rot angemalt.




Fazit: Nicht nur die Agglo ist gekippt — wie es in einigen Analysen hiess — sondern grosse Teile der Schweiz (rot). Standhaft bei ihrer liberalen Haltung gegenüber Ausländern blieben die Romands, die BündnerInnen und die Deutschschweizer Städte (rosa bis violett). Ihre ausländerfeindliche Haltung beibehalten haben die TessinerInnen und die erzkonservativen Landregionen, die nur geringe Ausländeranteile aufweisen, aber dennoch schon vor fünf Jahren gegen die Ausweitung der Personenfreizügigkeit gestimmt haben (grün).

Montag, 19. Mai 2014

Den Vogel abgeschossen

Gestern Sonntag hat das Schweizer Stimmvolk gleich 22 Vögel abgeschossen: Der Kauf von 22 schwedischen Gripen-Kampfjets für 3.126 Milliarden Franken wurde mit 53.4% NEIN abgelehnt. Nein-Mehrheiten gab es in der Romandie, im Tessin und in den Städten der Deutschschweiz. Die Schweiz bleibt eine Gripen-freie Zone.

Auf der interaktiven Karte mit Abstimmungsergebnissen ist der Röschti-Polenta-Stadt-Land-Graben sehr schön zu sehen:









Quelle: Bundesamt für Statistik

Ein grosses Merci in die Romandie für das deutliche Nein (im Bezirk Les Franches-Montagnes sagten 80.3% NON zum Gripen) mit dieser schönen Persiflage von Martin Grandjean:



Fazit: So lange die Schweizer Luftwaffe nur werktags zu Bürozeiten einsatzbereit ist (vgl. mein Beitrag "Bitte, liebe Terroristen, haltet Euch an die Bürozeiten"), braucht sie auch keine neuen Spielzeuge zu einem Stückpreis von 142 Millionen. Nach wie vor würde ich eine Luftwaffe, die nur zu Bürozeiten einsatzfähig ist, gänzlich grounden, weil sie schlicht überflüssig ist.


Quelle: Gruppe Schweiz ohne Armee

Donnerstag, 17. April 2014

D'Buebe gönd is Bett

Immer wenn Frau Frogg über Verhörer und Mondegreens schreibt, z.B. in ihrem Beitrag Schmierig, kommt mir eine Geschichte aus meiner Kindheit in den Sinn. Sie hat mit dem Ins-Bett-Gehen zu tun, gegen das wir uns — wie viele Kinder — sträubten. Übersetzt heisst dieser Eintrag: Die Buben gehen ins Bett.

"D'Buebe gönd is Bett" ist aber weder ein Mondegreen noch ein Soramimi (vgl. Wikipedia zu Verhörer), sondern eine absichtliche Verballhornung eines Songtexts auf dieser Single, die meine Eltern in den 60er Jahren von einer Reise nach Marokko heimbrachten:



Die Single stammt vom algerischen Autor, Komponisten, Sänger und Schauspieler Ahmed Saber (1937 - 1969). Der Musiker, der richtig Benaceur Baghdadi hiess und in Oran lebte, gilt als Pionier von El Asri, dem musikalischen Bindeglied zwischen traditioneller arabischer Musik und moderner Rai-Musik (vgl. Rai! Beim Barte des Propheten — eine gute Darstellung der Geschichte des Rai von Jean Trouillet).

Und so tönt sie, die über 50 Jahre alte Single:


Das Stück "Biyaa el Batata" von Ahmed Samer, auf Youtube hochgeladen von attafi

Uns Kindern gefiel diese 45-Touren-Platte so sehr, dass mein Vater sie immer wieder laufen lassen musste. Aber schon bald einmal begann er an Stelle des Antwort-Gesangs mitzusingen: D'Buebe gönd is Bett. Noch heute höre ich bei diesem Song von Ahmed Saber nicht den Text, sondern die Verballhornung durch meinen Vater.